V o r s i c h t , b i s s i g . . . . . .

Die Sammlung Leopold wagt sich von 11.06.'10 - 04.10.'10 mit einer durchwegs sehenswerten Otto-Muehl-Schau erneut in den Fokus akuter Kritik-Gefahr.
Wir wollen uns hier nicht wie die meisten KollegInnen, bzw. "RepräsentantInnen" der Kunst-und Kultur-Berichterstattung (ich erspare Ihnen und mir den Begriff "Industrie") mit erhobenem Zeigefinger ins Geschehen einbringen. Wir wollen auch weder lamentieren noch kritisieren, gar ignorieren. Und wir machen dies weder mit eingezwicktem Schwanz, noch mit offenem Arsch - um der Bildsprache Muehls auch eine wenig verbal gerecht zu werden. Wir machen dies erhobenen Hauptes, wie es die Leopolds, samt Vertretern in Aushänge- bzw. Öffentlichkeits-Positionen auch tun. "Im Mittelpunkt der Ausstellung Otto Muehl – Sammlung Leopold steht Otto Muehls Kunst. Die Auswahl durch den Sammler Rudolf Leopold ermöglicht eine Fokussierung auf Muehls ´künstlerische Seite´", lautete etwa ein offizielles Statement im Rahmen der Eröffnungs-Pressekonferenz am 10. Juni.
Lediglich die Qualität des einzelnen Werks, so der Tenor, stellten für die Zusammenstellung das wesentliche Kriterium dar. Und es lässt sich behaupten, das Leopold Museum zeigt Muehl durchaus gelungen als eigenständigen Geist. Obwohl das Leopold Museum sicherheitshalber darauf aufmerksam machte, dass die Ausstellung "offen sexuelle Motive und Darstellungen von Perversionen sowie von brutalster Gewalt enthält", und darüber hinaus bei zwei Exponaten gar "die Gefahr besteht, auch religiöse Gefühle zu verletzen". In Ewigkeit, Amen.....
Auch sei es im Vorfeld der Ausstellung zu mehreren, offenen Informationsgespräche mit der äußerst Muehl-kritischen Gruppe re-port, sowie mit einem Vertreter der Genossenschaft Friedrichshof gekommen. Mann wolle sicher gehen, dass keine Bilder, auf denen Opfer sexueller Gewalt aus den Jahren 1981-1989 dargestellt sind, ausgestellt bzw. im Katalog, übrigens aus dem Verlag Brandstätter, abgedruckt werden.
Die wesentlichen Eckdaten lesen sich wie folgt: "Die Schau umfasst an die 80 großformatige Öl- und Acrylgemälde sowie ca. 20 Arbeiten auf Papier aus den Jahren 1962-2000. Höhepunkt der Ausstellung ist der „Vincent“ Zyklus aus dem Jahr 1984. Wenn der Künstler wie in dieser Serie, die an Van Gogh angelehnt ist, die Stilformen berühmter Vorbilder benützt, ahmt er nicht nach, sondern paraphrasiert und verleiht den alten Formen neue Bedeutung und Energie. Die Wirkung dieser Bilder ist stark, lebendig und oft brutal unkonventionell. Sie überzeugen nicht nur durch Form- und Farbgebung, sondern sind originell, humorvoll und spontan, ungehemmt in der Darstellung und energiegeladen vom Impetus her.
Kuratiert und gehängt wurde die Schau im von Rudolf Leopold und von Diethard Leopold seinem jüngeren Sohn. Zusammen mit Peter Weinhäupl hatte Diethard Leopold schon 2008 die Neupräsentation der Permanenten Sammlung „Wien 1900“ im obersten Geschoß des Museums kuratiert. Danièle Roussel, Leiterin der Archives Otto Muehl von der art&life community in Süd-Portugal, wo der schwer an Parkinson erkrankte Otto Muehl heute lebt, gab wertvolle Informationen zu Titel und Inhalt von Werken, siehe auch ihren Katalogbeitrag.
Hubert Klocker, Aktionismus-Experte des MUMOK und Leiter der Sammlung Friedrichshof schrieb ebenfalls einen Katalogbeitrag. Er gab wichtige Hinweise und Informationen zum Hintergrund einzelner Werke und ganzer Werkgruppen und nahm bestimmend an Gliederung und Betitelung der Ausstellungsabschnitte teil.
Interessantes war über die Entstehung und den Umfang der Sammlung zu erfahren. Gleich vorweg die zentrale Botschaft: die ausgestellten Objekte entstammen im Wesentlichen aus dem Privateigentum von Rudolf Leopold („Sammlung Leopold II“). Leopold selbst wurde erst in den neunziger Jahren auf Otto Muehl und dessen Werk aufmerksam. Also pikanter Weise genau während der Zeit, als Muehl im Gefängnis inhaftiert war (1991-1997).
Die Legende weiß, dass Leopold Arbeiten von Muehl - damals großteils Druckgrafik - erstmals im Rahmen des Wiener Auktionshauses Dorotheum begegnete. Später hörte Leopold, vom Burgenländischen Friedrichshof, wo es jede Menge weiterer Muehl-Werke zu kaufen gegeben haben soll. Gesagt gekauft.
Trotz viel Mühe, die nötig war, sich all die Bilder, die in entlegendsten Gemäuern, nicht auf Rollwägen, sondern auf vierkantigen Holzkonstruktionen oder sonst wie skurril gelagert waren, genau und gezielt anzusehen. Nach wiederholten Fahrten ins Burgenland wurden schließlich alle Werke aus dem Depot geholt bzw. befördert. Leopold galt seit damals als "Stammkunde" im Friedrichshof. In dieser Zeit lernte er auch Danièle Roussel von der Kommune in Portugal kennen. Sie sollte Leopold zum Friedrichshof aber auch in die Strafanstalt in Wien, in der Otto Muehl damals seine Haftstrafe verbüßte, begleiten. Heute umfasst die Leopold´sche Privatsammlung über 240 Werke Otto Muehls.
Autor: Oliver H. Stadlbauer
alle Fotos ® 89a, 89b, 89c, 89d: VBK Wien, 2010

