Heilende Schnäpse aus geistlicher Hand

Skilehrer, Bergretter und Experte in Sachen Heilschnäpse – der Gaschurner Pfarrer Joe Egle ist nicht nur bei seinen Schäfchen als unkonventioneller Geistlicher bekannt, sondern vor allem beliebt.

Unkonventionell und beliebtHeilende Schnäpse aus geistlicher Hand
Schon bevor ich mich zum Gaschurner Pfarrhaus aufmache, um Joe Egle zu treffen, höre ich von allen Seiten nur Positives über den Pfarrer, der die Gemeinden Gaschurn und Partenen im Montafon betreut. „Lässig“ sei er, sind sich die Leute einig, unkonventionell, sehr weltlich und halt einfach volksnah, was sich unter anderem auch darin zeigt, dass er am dörflichen Alltag regen Anteil nimmt oder bei Dorffesten schon mal das Tanzbein schwingt. Und seine Schnäpse, schwören die Montafoner, sind die besten weit und breit. Zeit, sich selbst ein Bild zu machen. Schon das Erscheinungsbild des Geistlichen ist so ganz anders, als man das gewohnt ist – statt einer schwarzen Priesterrobe trägt Joe Egle legere Freizeitkleidung und ist somit zumindest rein optisch nicht von seinen Schäfchen zu unterscheiden.

Seelsorge via Piste
Wie ein katholischer Pfarrer auf die Idee kommt, sich nebenbei als Skilehrer zu betätigen, möchte ich wissen. „Sehen Sie, ich habe das Berufsbild des Pfarrers zu hinterfragen begonnen – früher war der Pfarrer so etwas wie ein Dorfkaiser, der quasi Audienz gewährt hat, man musste ihn aufsuchen. Ich habe mir überlegt, wie ich die Menschen erreichen, wie ich neue Wege in der Seelsorge gehen kann“, erzählt Egle. Was lag also in einem Ort wie Gaschurn, der im Winter von Skifahrern regelrecht überrannt wird, näher, als sich selbst auf die Piste zu begeben, zumal der Pfarrer selbst begeisterter Skifahrer ist? Bei Einheimischen wie Gästen und den übrigen Skilehrern kommt dieser Ansatz hervorragend an: „Wenn meine Schüler erfahren, dass ich eigentlich Pfarrer bin, reagieren sie durchwegs positiv“, berichtet der Geistliche. Weniger begeistert sind Egles Vorgesetzte; ihnen ist auch ein Dorn im Auge, dass er im Keller des Pfarrhauses Heilschnäpse ansetzt.

Heilende Schnäpse aus geistlicher HandHeilende Schnäpse
Am Rand der Treppe, die in den Keller des Pfarrhauses führt, stehen gut und gerne 20 Schnapsflaschen. „Die müssen Sie jetzt alle verkosten“, meint der Pfarrer augenzwinkernd, belässt es aber dann glücklicherweise doch dabei, mir die Herstellung der Heilschnäpse und die Wirkungen der einzelnen Kräuter zu erklären, die er selbst sammelt und ansetzt. Mehrere Wochen müssen die Pflanzen, Kräuter, Wurzeln angesetzt werden, ehe sie in schlanke Schnapsflaschen abgefüllt werden können. Die fertigen Schnäpse lagern in mehreren Schränken und sind mit einem schlichten weißen Etikett versehen, das in der Regel auch die Wirkungsweise des jeweiligen Schnapses verzeichnet.

Einer der Schränke ist im oberen Bereich mit alten Orgelpfeifen verziert und war eigentlich mal ein Bücherregal, das Joe Egle aber nach dem Besuch eines geistlichen Würdenträgers umbauen und mit Türen versehen ließ – der hohe Besuch war nämlich der Ansicht, dass sich ein offener Bücherschrank voller Schnapsflaschen für einen katholischen Pfarrer nicht schicke.  Der eine Schrank reicht schon lange nicht mehr aus, um alle Schnäpse zu verstauen; im Flur steht ein zweiter, größerer Schrank, der nicht minder voll geräumt ist. Die Schnäpse kann man bei Pfarrer Egle käuflich erwerben; er sieht das Ansetzen der Heilschnäpse auch als Teil seiner Arbeit in der Gemeinde, denn der Mensch besteht ja nicht nur aus der Seele, sondern hat auch einen Körper, um den man sich kümmern muss.

Heilende Schnäpse aus geistlicher HandKräuterwissen
Aber warum gerade Schnaps? Lässt sich die Heilkraft der Kräuter nicht auch anders nutzen, in Form eines Tees zum Beispiel? „Bei Tee ist die Heilwirkung der Kräuter zeitlich beschränkt; wenn sie jedoch in Schnaps angesetzt werden, überdauern sie locker drei Generationen“, klärt mich Egle auf, um schmunzelnd hinzuzufügen: „Natürlich nicht von einem Pfarrer abstammend.“
Sein Wissen über die Heilkraft von Kräuter und Pflanzen hat er sich selbst angeeignet, wobei seine Kindheit eine nicht unwesentliche Rolle gespielt hat – Egles Mutter hat große und kleine Wehwehchen mit Kräutern therapiert, das Interesse und das Wissen in Sachen Kräuter kommt also nicht von ungefähr. Mittlerweile gibt es das Kräuterwissen des Gaschurner Pfarrers samt ausgewählten Rezepten auch in Buchform (siehe Buchtipp). Die Rezepte hat Egle selbst kreiiert – durch Ausprobieren und Tüfteln, aber auch unter Einsatz seines umfangreichen Wissens über die Heilkraft der Kräuter. Es versteht sich von selbst, dass er die Zutaten für seine Heilschnäpse eigenhändig sammelt – und wenn das bedeutet, dass er dafür auch mal auf einen Baum klettern muss, um beispielsweise an Zirbenzapfen zu kommen.

Wie lässt sich das eigentlich alles unter einen Hut bringen – Seelsorge, Sprechstunden im Pfarrhaus, Skilehrertätigkeit, Schnaps ansetzen, Kräuter und Wurzeln sammeln? „Mein Wecker klingelt um 4.45 Uhr, dann bin ich den ganzen Tag unterwegs“, erzählt Egle, der am späten Nachmittag noch keinerlei Anzeichen von Müdigkeit erkennen lässt, im Gegenteil. Der Zirbenschnaps, den er mir zum Abschied überreicht, soll sowohl die Bronchien als auch das Herz stärken – und wenn ich mir den sympathischen Pfarrer mit seinen fast 70 Jahren so anschaue, voller Energie, dann muss an der Kraft der Kräuter und Pflanzen einfach was dran sein.

Autor: Susanne Lang

 

Buchtipp:Heilende Schnäpse aus geistlicher Hand

Elixiere aus der Natur,
Pfarrer Joe Egle, 2007,
Tyrolia Verlag


Sein umfassendes Kräuterwissen sowie eine Auswahl an Schnapsrezepten hat Pfarrer Joe Egle in diesem Buch schriftlich festgehalten.

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