Feldkirch – Erlebnis für die Sinne
Grenzstadt, Weinbaugebiet, Sitz habsburgischer Vögte und Vorarlbergs älteste mittelalterliche Stadt: Feldkirch strotzt nur so vor Geschichte, hat darüber hinaus aber noch viel mehr zu bieten.

Bewegte Geschichte
Ein rätisches Urbar – also ein Besitzverzeichnis – aus dem Jahr 842 erwähnt die Siedlung an der Ill zum ersten Mal, als Stadt taucht Feldkirch urkundlich 1218 auf. Schon in der Antike siedelten hier Menschen; im heutigen Rankweil gab es zu römischer Zeit eine „ecclesia sancti Petri ad campos“, also eine Kirche des hl. Petrus auf dem Felde, woher in letzter Konsequenz auch der Name der Siedlung rührt, die ursprünglich das heutige Altenstadt umfasste. Erst später wurde der Name für die Siedlung an der Ill übernommen, die lange von den Grafen von Montfort regiert wurde. Sie erbauten auch um 1260 die Schattenburg, die bis 1375 im Besitz der Montforter blieb; der letzte Graf von Montfort, Rudolf IV. (gest. 1390), verkaufte Burg, Stadt und Herrschaft noch zu Lebzeiten an die Habsburger, da er selbst keine Erben hatte. Im Zusammenhang mit dem Verkauf konnten die Feldkircher einen Freiheitsbrief erstreiten, der 1376 niedergeschrieben und vor den Habsburgern in Sicherheit gebracht wurde – bis vor wenigen Jahren wurde das wertvolle Dokument in der Schweiz aufbewahrt, mittlerweile befindet es sich wieder in Feldkirch.
Gut geführt
Wenn Sie Feldkirch besuchen, sollten Sie sich auf jeden Fall in Begleitung eines Stadtführers aufmachen, um die Stadt zu erkunden, wobei Sie zwischen unterschiedlichen Arten der Stadtführung wählen können – das Angebot reicht von der „normalen“ Stadtführung über themenbezogene Führungen bis hin zu einer nächtlichen Führung mit Nachtwächter, wobei manche Führungen auch die Schattenburg einbeziehen. Neben historischen Fakten erfährt man vor allem eine Fülle spannender Anekdoten, verwoben mit örtlichen Sagen und Legenden, sodass die Stadtführung zur äußerst kurzweiligen Angelegenheit wird und eineinhalb Stunden wie im Flug vergehen. Ein „Must see“ ist auf jeden Fall der Katzenturm, der mit niedlichen flauschigen Kätzchen allerdings nicht das Geringste zu tun hat – vielmehr leitet sich der Name von den im Turm stationierten Kanonen, den „Katzen“, ab. „Der Turm beherbergt die größte Glocke Vorarlbergs“, erzählt mir Stadtführer Rainer Lins, um gleich eine Anekdote anzuhängen: „Als die McDonald’s-Filiale neben dem Turm gebaut wurde, hat die Glocke aus Protest ihren Schwengel in die Tiefe stürzen lassen.“ Guter Stoff für eine moderne „urban legend“, denn das moderne Fast Food-Restaurant wirkt neben dem altehrwürdigen Turm ein wenig wie ein Fremdkörper und fast möchte man die Geschichte vom Protest der Glocke glauben – aber nur fast. Übrigens ist der Schwengel der Glocke tatsächlich während der Bauphase in die Tiefe gestürzt, verletzt wurde damals glücklicherweise niemand – und ob die Glocke wirklich gegen die Errungenschaften der Fast Food-Gastronomie protestieren wollte, diese Frage lässt Rainer Lins mit einem Augenzwinkern offen.
Auch sonst fördert so eine Stadtführung durch Vorarlbergs am besten erhaltene mittelalterliche Stadt sehr viel Interessantes zu Tage, etwa, dass während der NS-Zeit Verfolgte über die an sich gesicherte Grenze in die Schweiz gebracht wurden – auf Bergpfaden, die den Einheimischen bekannt waren und die im Unterschied zur „normalen“ Grenze nicht bewacht wurden. Oder dass Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Meisterdetektiv Sherlock Holmes, als 16-Jähriger für ein Jahr lang in Feldkirch zur Schule ging, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern – das damalige Jesuitengymnasium Stella Matutina beherbergt heute das Landesmusikkonservatorium. Oder die Markierungen, welche die Höhe des Hochwassers von 1910 anzeigen; dieses reichte fast bis unter die Lauben in der historischen Altstadt. Oder dass in Feldkirch früher einmal Wein angebaut wurde, weil der Arlberg noch nicht erschlossen war und der Import von Wein somit nicht gerade zu den einfachsten Übungen zählte. Von den zahlreichen Weinbergen rund um Feldkirch ist heute kaum noch eine Spur zu sehen, aber er wird noch angebaut, der Feldkircher Wein.
Beim Kaffee im Johanniterhof, der noch an die Anwesenheit des Johanniterordens in Feldkirch erinnert, legt Rainer Lins mir noch ein paar alte Stadtansichten vor, welche die Entwicklung der Stadt schön aufzeigen. Eine Stadtansicht zeigt am rechten unteren Rand ein seltsames rundes Gebilde, das ich auf den ersten Blick für einen Brunnen halte – aber für einen Brunnen ist das seltsame Ding zu weit von der Stadt entfernt. Rainer Lins klärt mich auf: „Das war der Galgen.“ Auf den alten Stadtansichten finden sich weiters Kirchen, die heute nicht mehr existieren, und so mancher Künstler hat die Darstellung wohl nicht so ganz genau genommen – hier fehlt ein Turm, da ist ein Häuschen doppelt. Zwei Gebäude sind überhaupt fensterlos, aber das hat einen guten Grund: Hier wurde nämlich Salz gelagert, das aus Hall in Tirol stammte und für den Schweizer Markt bestimmt war – Feldkirch spielte also auch in Sachen Handel eine gewichtige Rolle.
Wer Feldkirch besucht, kommt um die Schattenburg natürlich nicht herum. Die Burg, ursprünglich Bestandteil der Stadtbefestigung, wurde um 1260 von den Grafen von Montfort errichtet. Der Name leitet sich nicht etwa vom Schatten ab, den ein flackerndes Licht wirft, sondern vom althochdeutschen Begriff „schade“, was übersetzt so viel wie „Sicherheit, Schutz“ bedeutet und nach Auskunft von Gabi Getzner, die mich nach Betriebsschluss durch Burg und Museum führt, ein durchaus weit verbreiteter Name für Burgen war.
Das heutige Landesmusikkonservatorium wurde
ursprünglich als Gymnasium von den Jesuiten erbaut.
Die Schattenburg beherbergt seit knapp 100 Jahren das Heimatmuseum der Stadt Feldkirch; das Museum erstreckt sich über elf Räume, seit einiger Zeit kann auch der Bergfried besichtigt werden – auch hier wurden die erhaltenen Räume für museale Zwecke adaptiert. Zu sehen gibt es eine ganze Menge: Wohn- und Schlafräume, spätgotische Fresken, eine umfangreiche Schlösser- und Beschlägesammlung, alte Musikinstrumente, Statuen, Bilder, kunstvoll gearbeitete Möbel sowie – im Bergfried – eine beeindruckende Waffensammlung, die vom Bihänder bis zu Waffen des Zweiten Weltkriegs reicht. Zu fast jedem Stück gibt es eine Anekdote oder spannende Fakten – oder wussten Sie, dass die Redewendung „Geld auf die hohe Kante“ legen mit den Schlafgewohnheiten unserer Vorfahren zu tun hat? Die Betten waren nämlich überdacht – entweder halb oder zur Gänze; das sollte einerseits Ungeziefer auffangen, das von der Zimmerdecke herabfiel, andererseits dienten die Baldachine als Aufbewahrungsorte für Geld, das man vor dem Zubettgehen auf die sprichwörtliche hohe Kante legte.
Der Bergfried bietet neben den bereits erwähnten Ausstellungsstücken vor allem eines: einen umwerfenden Panoramablick auf die mittelalterliche Stadt und hinüber zum Rheintal. In der Mitte der Aussichtsplattform befindet sich ein beeindruckendes Diorama, das die Schlacht um Feldkirch im Jahr 1799 veranschaulicht – damals griffen die Franzosen an und wurden, wie Jahre später in Tirol, zurückgeschlagen. Die Dramatik des Krieges wird durch schmiedeeiserne Grabkreuze an den Wänden noch intensiver veranschaulicht.
Last but not least gibt es natürlich auch in Feldkirch ein prominentes Gespenst, die Ahnfrau. Dabei soll es sich um den Geist einer jungen Frau mit Namen Ida handeln, die ihr uneheliches Kind nach der Geburt tötete – seither soll die Ahnfrau jeden Samstag von der Schattenburg zum Ufer der Ill schweben, um sich dort die blutigen Hände zu waschen. Es versteht sich von selbst, dass der Geist ganz in Weiß erscheint…
Autor: Susanne Lang
alle Fotos ®: 43a, 43b, 43d (Stadtmarketing und Tourismus Feldkirch GmbH), 43c (Vorarlberg Tourismus

