Die Weinstadt Wien und ihre Geschichte
Wien ist der Stephansdom, das Riesenrad, Schönbrunn, die Ringstraße. Wien ist aber auch eine Weinstadt, wie es wohl weltweit keine vergleichbare gibt.
Beginnen wir ganz am Anfang. Vor rund einer Million Jahren in der Kreidezeit wurde der Grundstein für die spätere Karriere Wiens als Weinstadt gelegt, und zwar sprechen wir von Stein im wahrsten Sinn des Wortes. Damals lagerte das flache Meer Flysch-Gestein ab, in welches sich später die Donau eingegraben hat. Als Flysch bezeichnet der Geologe eine abwechslungsreiche Wechselfolge von oft kalkhaltigen Sandsteinen und Tonsteinen. Der Winzer wiederum weiß das Flysch-Gelände als den Lieblingsboden des Weinstockes zu schätzen.
Vor rund 5000 Jahren kamen die ersten nachgewiesenen Siedler über die Wasserstraßen in die wild- und fischreiche Gegend Wiens. Sie gründeten erste Siedlungen – darunter auch Grinzing – und bestellten und beernteten das Land. Als erstes Volk sind hier die Kelten nachgewiesen. Auch sie werden schon Wein getrunken haben, welcher wild in der Region wuchs. Die Kelten wussten dieses köstliche Getränk ebenso wie ihren Met schon lange vor den Römern zu schätzen.
Wertvolles Wissen
Die Römer hatten allerdings den Kelten im Weinbau einiges voraus. Die Trauben im Süden waren größer und rankten sich besser. Auch wussten die Römer bereits, wie man Weinstöcke veredelt. Sie besaßen nicht nur dieses Wissen, sondern wussten auch um dessen Wert Bescheid. So war es verboten, die Weinreben nach Norden zu bringen. Lediglich mit Wein in Schläuchen durfte gehandelt werden.
Der Boden des Kahlenbergs sowie das Klima sind gerade zu ideal für den Weinbau. Das blieb den findigen Bauern nicht lange vorborgen und so begannen sie eben auf eigene Faust erste Veredelungsversuche und bepflanzten die Hänge des Kahlenbergs mit Weinreben. Am Fuße der Weinhänge hat vermutlich die Keltensiedlung Wianioma gelegen, aus der schließlich Wien hervor ging.
Vor Christi Geburt kamen die Römer in das Gebiet und mit ihnen ihr liebstes Getränk, der Wein. Vermutlich brachte Kaiser Probus (232-282 n. Chr.) die veredelten Weinstöcke aus dem Süden mit, da ihm die hiesigen zu sauer waren. Ob dieser Verdienst nun wirklich ihm zuzuschreiben ist oder nicht, sei dahingestellt. Jedenfalls hat man später eine Gasse in Grinzing nach ihm benannt – die Probusgasse.
Weingenuss wiederentdeckt
Für die Region folgten turbulente Zeiten, in denen niemand so recht Zeit für den Weinbau fand. Unwetter, Kriege und umherziehende Völkerschaften nahmen das Land arg in Mitleidenschaft. Kaum war es möglich, Rebstöcke zu pflanzen und dann vier Jahre zu warten, bis sie zu tragen begannen. Erst um die Jahrtausendwende kehrte ein wenig Ruhe ein, als sich bayrische Siedler in der Region niederließen. Sie begannen auch wieder mit dem Weinbau.
Unter Leopold III. (1095-1136) und seiner Frau Agnes entwickelte sich Wien zu einer richtigen Handelsstadt, in der sich auch Wein gut verkaufen ließ. Einige Wiener Bürger gruben sich einen Weinkeller unter die Stadt und wurden durch den Weinhandel reich. Schließlich feierten die Wiener seit jeher gerne ausgelassen. Heute noch werden immer wieder neue Weinkeller in Wien entdeckt. Teilweise reichen sie bis zu sechs Stockwerke in die Tiefe. Ein beträchtlicher Teil der Weinproduktion lag in den Händen der Kirche.
Durch strenge Einfuhrverbote schützte man sich vor ausländischen Weinen wie etwa aus Ungarn oder Italien. Erst im 14. Jahrhundert durfte ausländischer Wein eingeführt werden, allerdings auch nur unter strengen Auflagen und Vorschriften. Der hohe Weinkonsum pro Person – um 1500 pro Kopf 150 Liter im Jahr – war eine lukrative Steuerquelle. Tatsächlich lief das Weingeschäft so gut, dass Gesetze erlassen werden mussten, die die weitere Ausbreitung des Weinbaues verbaten, um die Versorgung mit Getreide zu garantieren. Als auch das nichts nützte, griff König Ladislaus Posthumus 1453 zu härteren Maßnahmen und ließ den Großteil der Weingärten in und um Wien zerstören. Doch dieser Kampf sollte noch lange andauern.
Reise in die Vergangenheit
So genannte Trinkstuben waren die ersten Stadtheurigen. Dort wurde „Eigenbau“ ausgeschenkt. Zu essen durfte allerdings nur Brot, Zwiebel und Knoblauch angeboten werden. Wer einen Ausflug in Wiens Weingeschichte wagen möchte, dem sei der „Zwölf-Apostelkeller“ ans Herz gelegt. Die untersten Mauern sind aus dem 11. Jahrhundert. Neben dem historischen Ambiente kommt man in den Genuss von original Wiener Küche nach alten Rezepten.
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts war der Wein-Wahn vorbei. Die Pest dezimierte die Bevölkerung. Die Steuern stiegen und die Wiener mussten sich um andere Dinge kümmern. Den Menschen war die Lust zum Feiern vergangen.
O du lieber Augustin
Ein berühmter Trunkenbold Wiens hat sich seinen Platz in der Geschichte gesichert. Den „Lieben Augustin“ dürfte es im Gegensatz zu vielen anderen Sagengestalten wirklich gegeben haben. Als Marx Augustin wurde er wahrscheinlich 1643 in Wien geboren. Als Sohn eines Wirts, der auch schon bessere Tage gesehen hatte, verdiente er sein Geld als Bänkelsänger, Sackpfeifer und Stegreifdichter. Als „tüchtiger Trinker“ ließ er das meiste Geld allerdings in eben jenen Spelunken, in denen er es verdiente. Trotz allem soll Augustin sehr beliebt gewesen sein, da er während der Pest in Wien die Bevölkerung mit seinen Liedern in dieser traurigen Zeit aufheiterte. Dies trug ihm den Namen „Lieber Augustin“ ein. Doch die Pest dezimierte auch die Besucher der Wirtsstuben und somit seine Zuhörer.
Eines Abends soll Augustin ganz allein in einer Wirtsstube gesessen sein und einen Humpen Wein nach dem anderen getrunken haben. Es muss wohl einer zu viel gewesen sein. Auf dem Heimweg war er so betrunken, dass er schließlich mitten auf der Straße in seinem Rausch einschlief. Zwei Pestknechte fanden ihnen und luden den vermeintlichen Toten auf ihren Pestkarren. Sie warfen ihn in eine Pestgrube vor der Stadt, wo er am nächsten Morgen erwachte. Als er bemerkte, wo er gelandet war, rief er um Hilfe, doch niemand hörte ihn. Erst als er sein Lied anstimmte, nahmen ihn die Pestknechte wahr und befreiten ihn aus der Grube. Augustin wusste seine schaurige Geschichte gut zu vermarkten. Er soll fortan ganz gut als Bänkelsänger gelebt haben und seine Zuhörer mit seiner makabren Geschichte in seinen Bann gezogen haben.
Beethoven – der geniale Weintrinker
Im Biedermeier waren die Wiener ganz vernarrt in Unterdöbling. Man wanderte und ritt in der Gegend und so manch einer machte auf einem seiner Ausflüge auch Bekanntschaft mit einem etwas unfreundlichen Komponisten namens Beethoven. Auch Mozart soll sich vom Kahlenberg inspirieren haben lassen. In einem Gut auf dem Cobenzl, in der Mozartstube, soll er die Zauberflöte unter der beflügelnden Wirkung des Weins geschrieben haben. Auch Franz Schubert gehörte zu den berühmten Heurigen und Weinliebhabern.
Als die Reblaus kam
Der Wiener Weinbau überstand alle Kriege und Unwetter. Auch politische Krisen vermochten ihn nicht zu vernichten. Die wirkliche Gefahr war gerade einen Millimeter groß und kam unbemerkt aus dem Osten Nordamerikas nach Europa – die Reblaus. 1858 wurde sie durch den Massenimport von bewurzelten Reben eingeschleppt. Ironischer Weise waren diese Rebstöcke für Versuche zur Bekämpfung des Mehltaus gedacht. Dass man sich aber gleichzeitig ein viel schlimmeres Übel eingehandelt hatte, ahnte damals niemand. 1867 erreichte die Reblaus schließlich die Versuchsgärten in Klosterneuburg. Nur vierzig Jahre später hatte die Reblaus bereits 94 Prozent der Rebfläche befallen.
Um die Reblaus zu bekämpfen, wurden wiederum reblaussichere Weinstöcke importiert und mit ihnen eine neue Art von Mehltau. 1936 richtete dieser in den wiederbepflanzten Weinbergen erhebliche Schäden an. Heute werden Reben auf reblaussicheren Wurzelstöcken aufgepfropft.
Weinstadt Wien in Zahlen
Heute ist Wien eine eigenständige Weinregion mit einer Anbaufläche von circa 700 Hektar, welche von rund 400 Weinbaubetrieben, darunter auch Hobbyweingärtner, bewirtschaftet werden. Der Großteil der jährlichen 20.000 Hektoliter Weinernte wird über Buschenschenken vertrieben und vermarktet. Rund 85 Prozent der Fläche sind mit Weißweinsorten bepflanzt, wobei Sorten wie Riesling, Weißburgunder, Grüner Veltliner, Sauvignon blanc oder Gelber Muskateller ausgesprochen fruchtige und elegante Weine bringen. Zunehmend werden von den Wiener Winzern jedoch auch Rotweine – allen voran Zweigelt und St. Laurent, aber auch trendige internationale Sorten wie Merlot, Pinot noir und Syrah – gekeltert. Eine Wiener Spezialität ist der gemischte Satz. Verschiedene Sorten werden gemischt im Weingarten ausgepflanzt. Die sichert nicht nur einen relativ konstanten Ertrag, sondern es entstehen auch sehr komplexe und vielschichtige Weine.
Autor: Margerite Bardeau
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Weinregion Wien
www.wienerwein.at/
Fotos ® 3a, 3b, 3c: WienTourismus / Lukas Beck

