Faszination Mittelalter

Faszination MittelalterEdle Ritter in schimmernden Rüstungen, Feuer speiende Drachen und Jungfrauen in Not – das Mittelalter ist heute lebendiger denn je und entledigt sich dabei immer mehr seiner romantisch verklärten Klischees. Nicht zuletzt ist das Mittelalter in den vergangenen Jahren ein nicht zu unterschätzender touristischer Faktor geworden. Aber woher kommt die Faszination für eine Epoche, die immer noch als „dunkel“ beschrieben und mit Inquisition, Folter und Hexenverbrennungen in Zusammenhang gebracht wird?

Historische Wurzeln
Ein Grund, warum gerade das Mittelalter heute noch so lebendig ist, könnte darin liegen, dass wir von mittelalterlichen Bauten umgeben sind – Burgen, Kirchen, Kathedralen, historische Stadtkerne, das alles zeugt von einer längst vergangenen Zeit und macht uns unsere historischen Wurzeln Tag für Tag bewusst. Man kommt in Österreich am Mittelalter schlichtweg nicht vorbei, und vielleicht ist auch das mit ein Grund dafür, warum diese Epoche sich heute wieder so großer Beliebtheit erfreut – sie ist ganz einfach ein Teil unserer Kultur bzw. hat diese nachhaltig geprägt; das Interesse fürs Mittelalter ist somit immer auch ein Interesse an der eigenen Vergangenheit.

Einfaches Leben
 „Die Faszination des Mittelalters liegt für mich in der Simplizität des damaligen Lebens“, spricht Bastian, von Beruf Grafiker, einen Aspekt an, der den Boom des Mittelalters erklären könnte. Die Einfachheit des mittelalterlichen Lebens steht unserer extrem technologisierten Welt in scharfem Kontrast gegenüber; das fängt beim Nähen von Kleidung an und hört bei der Wohnsituation auf. Besonders begeisterte Mittelalter-Fans, die ihre Gewandung für diverse Märkte selbst nähen, schwören übrigens darauf, dies ausschließlich von Hand zu tun, also ohne den Einsatz einer Nähmaschine – wenn schon, dann zu 100 Prozent authentisch. Dass die Schnitte, die verwendeten Stoffe und die Farben der Stoffe ebenfalls authentisch sind und mit schriftlicher sowie bildlicher Überlieferung abgestimmt werden, versteht sich von selbst. Auch Kettenhemden, Schuhe und Rüstungen werden von in akribischer Handarbeit – und nach ebenso akribischer Recherche – selbst hergestellt.

Mittelalterliches Rollenspiel
„Mir macht es einfach Spaß, in eine Art perfektes Mittelalter einzutauchen – mit Helden, Bösewichten und Prinzessinnen, die gerettet werden wollen. Mittelaltermärkte sind für mich eine Art LARP im Kleinformat – ohne Raufereien, aber zum Schlendern und Entspannen perfekt“, erklärt wiederum Claudia. Die 25-Jährige ist seit Jahren in der LARP-Szene aktiv – also im Live Action Role Playing, das sich unter anderem mittelalterlicher Szenarien und Versatzstücke bedient. Dabei geht’s mit eigens angefertigten Waffen aus Kunststoff auch kampftechnisch ordentlich zur Sache, die Spielleitung gibt die Rahmenbedingungen und die Handlung vor, Spieler in passender Kostümierung erwecken die Geschichte zum Leben und gehen in ihren Rollen auf, wobei sie auch ganz gerne moderne Werte einfließen lassen – das äußert sich z.B. darin, dass Frauen zu den Waffen greifen dürfen und sich nicht unbedingt in untergeordnete Rollen fügen, sondern ganz modern und selbstbewusst auftreten. Die eigene Persönlichkeit lässt sich eben auch trotz mittelalterlicher Gewandung nicht ganz abstreifen…

Boomender Wirtschaftszweig
Doch nicht nur LARPer oder Geschichtsinteressierte begeistern sich für das Mittelalter – das Mittelalter ist vielmehr zu einem touristischen und wirtschaftlichen Faktor geworden, und auch die Unterhaltungsbranche lebt recht gut davon. Das fängt bei historischen Romanen an, geht über die Film- und Musikindustrie und hört bei Computerspielen auf. Zusätzlich haben sich Wirtschaftszweige etabliert, die das gelebte Mittelalter in den Mittelpunkt stellen – angefangen bei eigenen Mittelaltershops im Internet über mittelalterlich gestaltete Restaurants bis hin zu Schmieden und Schuhmachern, die noch nach alten Regeln der Handwerkskunst arbeiten sowie Gewandschneiderinnen, die auf Wunsch das perfekte Mittelalter-Kleid nach Maß anfertigen.

Faszination MittelalterBuntes Markttreiben
Zu einem fixen Bestandteil der heimischen Marktszene haben sich in den vergangenen 15 Jahren groß angelegte Mittelaltermärkte und –feste entwickelt, die an sich im Sommer Hochsaison haben, mittlerweile aber auch die übrigen Jahreszeiten in Beschlag nehmen. Dabei gewinnt die richtige Gewandung immer mehr an Bedeutung – war es bis vor wenigen Jahren noch gang und gäbe, im Sommerkleid über den Mittelaltermarkt zu flanieren, so fällt man heute in Zivil auf wie ein bunter Hund. Manche Märkte sind besonders streng: Ohne authentische Gewandung geht natürlich gar nichts, und wer glaubt, mit einer Uhr oder einem Handy aufs Gelände zu kommen, kann mitunter eine unangenehme Überraschung erleben – denn mancherorts wird Authentizität derart groß geschrieben, dass moderne Accessoires weichen müssen. Dem gegenüber stehen Märkte, die es in Sachen Gewandung eher lockerer angehen. Da kann es schon mal passieren, dass eine Besucherin das Mittelalter mit einem Märchen verwechselt und im rosa Prinzesschenkleid durch die Menge schwebt – na ja, Hauptsache, es macht Spaß!

Erlebnisburgen
Auch Touristiker haben das Mittelalter inzwischen für sich entdeckt. An vorderster Front stehen dabei die zahlreichen Burgen und Schlösser in Österreich, die jede Saison ganze Heerscharen von Besuchern anziehen und teilweise mit spektakulären Angeboten aufwarten. Unbedingt empfehlenswert ist beispielsweise die Greifvogelschau auf Burg Hohenwerfen in Salzburg, die sich seit einigen Jahren als Erlebnisburg positioniert hat und alljährlich tausende Besucher aus Nah und Fern anzieht. Das Angebot kann sich aber auch wirklich sehen lassen: Ritteressen, Hochzeiten inklusive Übernachtung im Brautgemach auf der Burg, Burgführungen, mystische Nachtwanderungen und die Möglichkeit, Räumlichkeiten für eigene Veranstaltungen zu mieten. Wer sich den mitunter etwas steilen Aufstieg zur Burg sparen möchte, kann übrigens bequem mit einer Standseilbahn nach oben gleiten.

Faszination MittelalterApropos auf einer Burg nächtigen: Wenn Sie schon immer mal eine waschechte Ruine nur für sich haben wollten, dann sei Ihnen die Araburg in der niederösterreichischen Gemeinde Kaumberg (Bezirk Lilienfeld) wärmstens empfohlen: Die Ruine beherbergt im alten Wehrturm insgesamt drei Kammern mit Stockbetten, die Sie mieten können – pro Nacht und Nase kostet der Spaß lediglich acht Euro, das mehr als reichhaltige Frühstück am nächsten Tag gibt’s um weitere fünf Euro dazu. Der Clou an der Sache: Ab ca. 19 Uhr gehört die Ruine Ihnen und Ihren Freunden; in einem kleinen Raum mit Bar können Sie nach Herzenslust feiern (und sich entweder selbst versorgen oder die Getränke in der Burgschänke ordern), im alten Burghof kann gegrillt werden (den Grill samt Kohle gibt’s gegen eine geringe Gebühr vor Ort), das alles in völliger Abgeschiedenheit – nicht nur für Mittelalterfans ein Erlebnis! Einziger Wermutstropfen: Mit dem Auto kommen Sie lediglich bis zum Parkplatz, den Rest des Weges müssen Sie zu Fuß durch den Wald zurücklegen, Gehzeit: ca. eine halbe Stunde.

Mittelalterliche Landschaften
Wenn Sie schon einmal auf der Westautobahn unterwegs waren, ist Ihnen sicher eine jener braunen Tafeln aufgefallen, die auf besondere Sehenswürdigkeiten in der Region hinweisen – in diesem Fall gleich auf eine ganze Region, nämlich den Nibelungengau. Zwar spielt sich der Großteil der Handlung des „Nibelungenliedes“ am Hofe zu Worms bzw. am Hofe Etzels im heutigen Ungarn ab, aber auf ihrer Reise zu Etzel machten die Nibelungen der Überlieferung nach auch im heutigen Niederösterreich Station, konkret: in der Gegend zwischen dem Strudengau im Westen und der Wachau im Osten, dem heutigen Nibelungengau. Hier liegt auch die Gemeinde Pöchlarn, wo Rüdiger von Bechelaren seinen Sitz als Markgraf gehabt haben soll. Der Nibelungengau kommt natürlich nicht ohne Nibelungen-Ausstellung aus; diese findet sich auf der Burgruine Aggstein, wo man übrigens auch Rittermahle buchen kann. Und auch in Tulln stößt man auf die Spuren der Nibelungen; hier sollen Kriemhild und Etzel sich zum ersten Mal begegnet sein – ein prächtiger Brunnen legt davon Zeugnis ab.

Kulinarische Freuden
Last but not least erlebt das Mittelalter auch in der Gastronomie ungeahnte Höhenflüge, und dabei sprechen wir nicht von Kochbüchern, die  mittelalterliche (oder vermeintlich mittelalterliche) Rezepte zum Nachkochen vorstellen. Ritteressen, sind schon seit Jahren fixer Bestandteil des touristischen Angebots, wobei manche Gäste wohl glauben, dass es darum geht, so viel wie möglich in kürzester Zeit und möglichst unappetitlich in sich hineinzustopfen. Auf den ersten Blick erscheint das unzivilisiert und im Lichte der höfischen Dichtung auch historisch nicht korrekt, denn gerade die höfische Dichtung legt Wert auf vornehme Zurückhaltung beim Essen, und es gab ein strenges Protokoll, nach dem eine Mahlzeit abzulaufen hatte.

Ritterlicher Knigge
Sieht man sich die so genannten Tischzuchten an – didaktische Texte, die das richtige Verhalten bei Tisch zum Inhalt hatten -, so fragt man sich jedoch unweigerlich, wie viel gutes Benehmen an einem hochmittelalterlichen Tisch tatsächlich herrschte. Denn da wird unter anderem dazu ermahnt, sich während des Essens nicht ins Tischtuch oder in die Hände zu schnäuzen, beim Speisen keinen Lärm zu machen und nicht mit den Fingern in die Sauce zu greifen. Das mag auf den ersten Blick seltsam klingen, auf den zweiten Blick drängt sich aber der Verdacht auf, dass die höfische Literatur in diesem Bereich ein Ideal bemüht, das in der Realität so nicht gegeben war – denn sonst hätte es ja nicht der Tischzuchten bedurft.

Viele Tischregeln sind dabei als Hygienevorschriften zu sehen – man aß mit den Fingern, Messer und Löffel dienten lediglich zum Tranchieren und Austeilen. Und da man aus gemeinsamen Schüsseln aß bzw. sich auch häufig das Trinkgefäß mit dem Nachbarn teilte, erscheinen manche Vorschriften wie z.B. die Forderung, nicht mit fettigem Mund zu trinken, durchaus nachvollziehbar. Hintergrund der Tischzuchten ist, dass die adelige Gesellschaft sich durch ihr vornehmes Verhalten von den „Dörpern“, also den Bauern bzw. niederen Ständen, abheben sollte; sie legen somit auch Zeugnis ab vom Selbstverständnis der höfischen Gesellschaft und für die Verfeinerung der gesellschaftlichen Umgangsformen.

Autor: Susanne Lang

 

Tipp: Einen vollständigen Überblick über sämtliche Mittelaltermärkte finden Sie auf www.huscarl.at

 

alle Fotos ® 12b, 12c, 12d (Donau Niederösterreich Touristik), 12e, 12f, 12g

 

Buchtipps: Faszination Mittelalter

Hubert Hinterschweiger, Wien im Mittelalter: Alltag und Mythen, Konflikte und Katastrophen. Pichler Verlag 2010.

Wie verlief der Alltag der Wiener im Mittelalter, wie hat sich die Donaumetropole im Lauf der Zeit entwickelt? Diesen und anderen Fragen spürt Hubert Hinterschweiger in seinem spannenden Buch nach.

Faszination Mittelalter

Karin Schneider-Ferber, Alles Mythos! 20 populäre Irrtümer über das Mittelalter. Theiss 2009.

Die Journalistin und Historikerin Karin Schneider-Ferber räumt mit 20 Mittelalter-Mythen auf, die sich hartnäckig in unseren Köpfen halten. Was ist beispielsweise dran am edlen Ritter, der nur für das Gute kämpfte oder an den brennenden Scheiterhaufen?

Faszination Mittelalter

Margaret Scott, Kleidung & Mode im Mittelalter. Theiss 2009.

Was trugen die Menschen im Mittelalter, welcher „Look“ war in und welche Farben waren out? Wie unterschied sich die Mode der einzelnen Stände voneinander? Margaret Scott spürt der Geschichte der Mode im Mittelalter in diesem prächtig illustrierten Band nach.